„Diese zehn Startup-Factories werden ganz Deutschland voranbringen“

© Thomas Dashuber

Unterstützt von der Joachim Herz Stiftung soll die Gründungsförderung in Deutschland deutlich ausgebaut werden.

Worauf kommt es an? Ein Gespräch mit Prof. Helmut Schönenberger, der mit dem in München angesiedelten UnternehmerTUM Europas größtes Gründer- und Innovationszentrum leitet.


Eine schöne Idee nützt nicht viel, wenn sie nur eine Idee bleibt: In Deutschland schaffen es zu wenige Ideen von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung. Woran liegt das?

Die Förderung von unternehmerischem Denken und Handeln ist leider nur rudimentär vorhanden. Die meisten Universitäten wenden weit unter einem Prozent ihrer Ressourcen dafür auf, ihre Studierenden auf einen unternehmerischen Pfad zu schicken. Häufig liegt die Quote der Gründungsförderung allenfalls bei rund 0,1 Prozent. Die Folgen sind, wie Sie andeuten, im internationalen Vergleich ziemlich schlechte Zahlen: Wir hatten letztes Jahr 2700 Ausgründungen aus dem universitären Bereich. Wenn man bedenkt, dass wir knapp drei Millionen Studierende haben, dann ist das verschwindend wenig. Die Top-Länder in diesem Feld, wie die USA, Israel und China, haben eine um ein Vielfaches höhere Gründungsquote. 


Sie stemmen sich gegen diesen Trend; 2002 haben Sie an der TU München direkt nach dem Studium gemeinsam mit der Unternehmerin Susanne Klatten und dem damaligen Uni-Präsidenten Professor Wolfgang Herrmann UnternehmerTUM gegründet, das heute Europas größtes Gründer- und Innovationszentrum ist.

Im vergangenen Jahr wurde dort mithilfe der Joachim Herz Stiftung ein Learning and Exchange Center for Innovation and Entrepreneurship Practice, kurz LEC, angesiedelt. Es soll die Gründungsförderung in Deutschland voranbringen. Wie genau will das LEC dies schaffen?

Gründer:innen im Munich Urban Colab, einem Ort von UnternehmerTUM für branchenübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit © Constantin Mirbach

Die Bundesregierung hat den „EXIST-Leuchtturmwettbewerb Startup Factories“ ins Leben gerufen, bei dem sichtbare Startup-Fabriken entstehen sollen: Das sind dynamische, im Umfeld der Uni angesiedelte Geschäftseinheiten, die das Gründen von Startups und die Startup-Kultur insgesamt unterstützen und vorantreiben. Zahlreiche Hochschulen deutschlandweit haben sich bei dem Wettbewerb beworben. Nach einer Konzeptphase wird eine Jury, deren Teil ich bin, in diesem Jahr bis zu zehn solcher Factories auswählen, die dann eine Anschubfinanzierung erhalten. Das LEC wird diese Startup-Factories beim Aufbau unterstützen und begleiten, sowohl bei speziellen Fragestellungen wie zum Wissenstransfer als auch allgemein mit Seminaren, Workshops und engem Austausch. Zudem sorgt das LEC mit Kooperationen wie mit dem MIT dafür, dass internationale Best Practices in die Gründungsförderung einfließen. Aktuell setzt das LEC zusammen mit BCG und dem Stifterverband mit einer KPI-Toolbox einen neuen Standard für die Erfolgsmessung von Startup-Factories, entwickelt dazu ein Playbook und bietet gezielte Workshops an.


Das Ziel ist es, den Erfolg von UnternehmerTUM an zehn Orten deutschlandweit zu wiederholen, in kleinerem Maßstab?

Nun, der Maßstab soll ruhig groß gedacht werden. Wir wünschen uns keine Mini-Kopien von uns, sondern selbstständige Geschwister, die selbst größer werden können.


Auf welche Faktoren kommt es an, damit aus den Plänen für die Startup-Factories ebenbürtige Geschwister werden, damit Gründungsförderung in Deutschland zum Erfolg wird?

Prof. Helmut Schönenberger hat 2002 an der TU München gemeinsam mit der Unternehmerin Susanne Klatten und dem damaligen Universitätspräsidenten Professor Wolfgang Herrmann die UnternehmerTUM GmbH gegründet und ist bis heute ihr CEO. Foto: © Thomas Dashuber

Da gibt es einige entscheidende Punkte. Beginnen wir mit dem Geschäftsführungsteam einer Startup-Factory: Das muss unbedingt sehr professionell und committed sein. Also weit weg von Bürokratie und langsamen, großen Strukturen, wie sie in der Verwaltung mancher Universitäten verbreitet sind. Es geht um Entschlossenheit, Agilität und kurze Entscheidungswege. Denn wie stark das Auftreten der Geschäftsführung ist, wie viel Tempo sie macht, das hat maßgeblichen Einfluss auf das Wachstum des Gründungszentrums. Aber beim Geschäftsführungsteam allein sollte das Engagement nicht aufhören, sondern anfangen. Ob Stiftungen, Verbände aus der Region, das Unipräsidium, die Fakultäten – alle sollten sich für den Erfolg der Startup-Factory einsetzen. Denn nur dann wird die Startup-Factory sichtbar sein – auch bei den Studierenden und Mitarbeitenden einer Universität, die ja die Hauptzielgruppen sind.


Was heißt dieses „sichtbar sein“ in der Praxis?

Ein schlichtes „Diese-Uni-hat-eine-Startup-Factory“ reicht natürlich nicht aus. Die Aktivitäten der Startup-Factory sollten eng mit dem Lehrbetrieb verzahnt sein: Seminare, Thementage, Veranstaltungen sollten den Studierenden und Mitarbeitenden niedrigschwellig die Möglichkeit geben, mit unternehmerischem Denken in Kontakt zu kommen, es zu lernen und auf eigene Ideen anzuwenden.

Und natürlich sollte auch die Möglichkeit, sich bei Ideen für ein Produkt oder eine Unternehmensgründung beraten zu lassen, niederschwellig sein. Und in der Beratung sollten nächste Schritte nicht nur besprochen, sondern auch unterstützt werden.


Wie unterstützt?

Startups sollten etwa die Möglichkeit haben, die wissenschaftliche Infrastruktur und das Know-how der Universitäten zu nutzen. Wer zum Beispiel regelmäßig Magnetresonanztomographie-Aufnahmen für die Produktentwicklung braucht, dem könnten Timeslots an einem universitären MRT-Gerät vermittelt werden. Und wenn es um besondere Expertise in der Materialwissenschaft geht, dann muss ein entsprechender Professor Zeit finden, um hier weiterzuhelfen. Außerdem brauchen viele Startups Intellectual Property, das Universitäten besitzen: Sie sollten es dem Startup unkompliziert - eventuell gegen ein Entgelt oder eine Beteiligung – zur Verfügung stellen. Denn ein Patent ist oft die Grundlage für das neue Geschäft eines Startups. Und natürlich geht es vor allem um die Finanzierung der Startups! Natürlich sollten die Startup-Factories auch eigene Möglichkeiten haben, um gezielt zu fördern und so die Gründung von Unternehmen und deren erste Schritte anzustoßen. Aber sie können natürlich nicht jedes Startup selbst finanziell fördern. Wichtig ist daher, die angehenden Gründer:innen dabei zu beraten, wie sie an Geld kommen, und ihnen die Kontakte zu möglichen und passenden Geldgebern zu vermitteln, wie Venture Capital-Funds oder auch staatliche Ausschreibungen.


Wo wir über Finanzierung sprechen - was ist mit der Finanzierung der Startup-Factories? Wenn 0,1 Prozent der Ressourcen einer Universität für die Gründungsförderung viel zu wenig sind – wie viel Geld braucht es für eine erfolgreiche Startup-Factory?

Es sollte schon mehr als ein Prozent sein. Beim Leuchtturmwettbewerb der Bundesregierung war eine Bedingung, dass die sich bewerbenden Startup-Factories einen Etat von mindestens vier Millionen Euro haben.


Welche Rolle spielen Stiftungen bei der Finanzierung von Projekten wie den Startup-Factories?

Eine tragende Rolle: Sie sind gerade für den Start solcher größeren Vorhaben im Grunde unverzichtbar! Das zeigt sich auch an den Details beim Leuchtturmwettbewerb: Von den vier Millionen Euro sollen mindestens zwei Millionen von der Privatwirtschaft und Stiftungen wie der Joachim Herz Stiftung kommen.

Das heißt, die Unterstützung von Stiftungen, etablierten Unternehmen und Unternehmerfamilien ist für die Startup-Factories erfolgsentscheidend.

Professor Helmut Schönenberger 


Welcher finanzielle Beitrag muss von den Unis selbst gestemmt werden? Müssen sie dann nicht woanders kürzen, was wieder problematisch sein kann?

An der TUM engagiert sich die Universität sehr stark über die TUM Venture Labs. Das ist die gemeinsame gemeinnützige GmbH von TUM und UnternehmerTUM, die sich auf die DeepTech-Ausgründungen fokussiert. Es gilt auch bei uns in München, Prioritäten zu setzen. Insgesamt sollten die Hochschulen die Startup-Factories als langfristige Investition in die Zukunftsfähigkeit sehen, die sich auszahlt: Bei UnternehmerTUM haben wir die Erfahrung gemacht, dass man, wenn man erfolgreich ist, ab einem Zeitraum von ungefähr fünf bis acht Jahren der Universität, der Region, dem Staat weit mehr Geld zurückgeben kann, als die Startup Factory kostet. Die TUM- und UnternehmerTUM-Startups schaffen zum Beispiel jährlich weit über 3 Milliarden Euro an Unternehmenswert. Darin steckt nicht nur eine hohe Marktkapitalisierung, damit verbunden sind tausende neuer Arbeitsplätze für München und Umgebung, eine signifikante Steigerung des Images der Universität und vieles mehr. Hinzu kommt:

Gründungsförderung ist immer auch die Förderung von wissens- und technologiebasierten Innovationen. Das ist essenziell für eine Volkswirtschaft wie Deutschland, deren wirtschaftlicher Erfolg auf einer Wissensgesellschaft beruht. 

Wachstumsstarke, innovative Unternehmen zu schaffen, ist deshalb ein Kern der Wertschöpfung. Deshalb werden die bis zu zehn ausgewählten Startup-Factories nicht nur ihre jeweiligen Universitäten, sondern ganz Deutschland voranbringen.

Das Gespräch führte der Journalist Christian Heinrich für die Joachim Herz Stiftung.



Über Professor Helmut Schönenberger

Professor Helmut Schönenberger hat 2002 an der TU München gemeinsam mit der Unternehmerin Susanne Klatten und dem damaligen Universitätspräsidenten Professor Wolfgang Herrmann die UnternehmerTUM GmbH gegründet und ist bis heute ihr CEO.

Das kürzlich gestartete und von der Joachim Herz Stiftung geförderte Learning and Exchange Center (LEC) bei UnternehmerTUM soll Startup-Factories in Deutschland unterstützen, die derzeit bei einem Wettbewerb der Bundesregierung ausgewählt werden. Professor Helmut Schönenberger ist Mitglied der Auswahl-Jury.


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